Mein Praktikum im Europäischen Parlament

von Henner Fries-Henrich

Die „Praktikantenhauptstadt“ Brüssel bietet vielzählige Möglichkeiten für ein Praktikum. Für mich ergab sich von Juli bis Oktober 2009 die Möglichkeit das Europäische Parlament durch ein Praktikum in einem Abgeordnetenbüro aus der Nähe kennenzulernen.

Das Abgeordnetenbüro

Die Praktika in den Abgeordnetenbüros fallen sehr unterschiedlich aus. Jeder Abgeordnete hat andere Tätigkeitsfelder und sitzt in verschiedenen Ausschüssen. Die Arbeit meines Abgeordneten hatte die Schwerpunkte „EU-Außenpolitik“ und „Konstitutionelles“. Er gehörte als deutscher Abgeordneter der Fraktion der Europäischen Volkspartei an. Das Büroteam bestand aus drei Assistenten und zwei Praktikanten. Die Assistenten hatten unterschiedliche Arbeitsfelder als wissenschaftliche Berater, einer Büroleiterin und dem Agendamanager, der für alle Termine und Reisen zuständig war.

Wir – meine Co-Praktikantin und ich – wurden als Praktikanten vom ersten Tag an wie Kollegen behandelt. Uns wurde Verantwortung übertragen und wir wurden in die Arbeit voll und ganz einbezogen. So konnten wir in unserer Praktikumszeit viel lernen, mussten  aber auch die Kritik entgegennehmen, wenn wir mal einen Fehler gemacht hatten.

Meine Aufgaben

Meine Arbeitsfelder waren breit gestreut. Zunächst war ich während meiner Praktikumszeit für Besuchergruppen zuständig. Dazu gehörte die Planung und Betreuung vor der Anreise wie auch das Herumführen vor Ort. Besonders schwierig war es dabei, die Reiseplanung der Besuchergruppe mit dem vollen Terminkalender des Abgeordneten in Einklang zu bringen. Herausfordernd war es auch auf die vielen Fragen der Besucher vorbereitet zu sein. Auf diese Weise habe ich viele grundlegende Informationen über die EU und ihr Parlament gelernt, da ich mir vor den Besuchen viel angelesen habe oder durch Fragen an die Assistenten in Erfahrung gebracht habe. Dieser nahe Kontakt zum Wähler hat viel Spaß gemacht.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit lag darin Telefonverbindungen zwischen meinem Abgeordneten und Gesprächspartnern aus Feldern wie Politik, Wirtschaft und seinem Wahlkreis zu organisieren. Was sich nun simpel anhört, ist es keinesfalls:   In dem/einem vollen Terminkalender meines Abgeordneten mit Sitzungen, Flügen, Besprechungen und Ausschusssitzungen und dem mindestens genau so vollen Terminkalender des Gesprächspartners muss ein gemeinsamer Termin gefunden werden. Wenn die Verbindung schließlich zu Stande kam war es jedes mal ein dankbares Gefühl getaner Arbeit. Durch diese Aufgabe hatte ich viel Kontakt mit politischen Persönlichkeiten, die man gelegentlich auch mal selbst in der Leitung hat. Dazu gehörten Regierungsmitglieder der alten wie auch der jetzigen Bundesregierung. Nach einiger Zeit verliert man die Scheu und entwickelt die Einstellung, dass es zur Arbeit gehört.

Der Praktikantenalltag

Alles zu nennen, was in diesen drei Monaten durch meine Hände gegangen ist, würde sicherlich den Rahmen sprengen. Erwähnen möchte ich noch die Organisation von Presseterminen und Interviews, die sehr zeitintensiv war und dem Büro organisatorisch viel abverlangt hat. Dies war vor allem der Fall als der Vertrag von Lissabon durch das irische Votum abgelehnt wurde oder das Bundesverfassungsgericht das im Europäischen Parlament sehr umstrittene „Lissabon-Urteil“ gefällt hat. Viel Spaß gemacht hat mir auch das Recherchieren zu Bürgeranfragen. Da kann so ziemlich alles mit einem Bezug zur EU auf den Tisch kommen. Gefreut hat mich auch, dass meine Hintergrundrecherchen über die Veränderung für die Arbeit im Europäischen Parlament durch den Vertrag von Lissabon in einen Buchbeitrag eingegangen sind.

Wenn es die Bürotätigkeit zulässt, bekommt man auch die Möglichkeit sich in Ausschuss- und Fraktionssitzungen zu setzen und die politischen Debatten live zu verfolgen. Es galt aber auch bei weniger interessanten Tätigkeiten anzupacken, die eben gemacht werden müssen/mussten. So habe ich zum Beispiel während meiner Praktikumszeit den kompletten Umzug des Büros in neue Räume mitgemacht.

Deine Chance

Viele Abgeordnete bieten auch Praktika für Schüler an. Allerdings habe ich  auch erlebt, dass Praktikanten anderer Büros einfach in die Bibliothek des Parlaments zu weniger sinnvollen Recherchen abgeschoben oder mit Einkäufen beschäftigt wurden. Daher sollte man sich bei dem jeweiligen Büro über die Einsatzfelder informieren, nachdem man sich also für die Bewerbung bei einem Abgeordneten entschieden hat. Auskunft findet man oft über die Homepage des Abgeordneten. Viele nehmen auch nur Praktikanten aus ihrem Wahlkreis. Verschaff Dir doch einfach mal einen Überblick oder schreib mich bei Fragen an.

Fazit

Ein Praktikum im Europäischen Parlament kann ich jedem, der sich für Europapolitik interessiert, nur empfehlen. Man bekommt einen Einblick in den politischen Alltag und lernt sich in einem Arbeitsumfeld von insgesamt 7500 Mitarbeitern mit 23 Amtssprachen zurechtzufinden. Wie viel ich durch mein Praktikum gelernt habe, wurde mir gerade dieser Tage bewusst, als ich mich mit meinem Nachfolgepraktikant in Berlin getroffen habe und wir unsere Anekdoten über die Praktikumszeit in Brüssel ausgetauscht haben.

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