Kleine Geschichte der Europa-Idee: Am Anfang war der Mythos – Teil 1 Antike/Mittelalter

von Martin Meiske

Bis heute existiert keine Definition von Europa, die für alle Epochen Gültigkeit beanspruchen könnte. Geographisch ist es ein Subkontinent – schon deshalb scheinen die Grenzen variabel. In jedem Zeitalter entstanden  eigene Europa-Ideen, die auf unterschiedlichen kulturellen Konzepten basierten. Vom Mythos zur politischen Idee und deren Verwirklichung im 20. Jahrhundert sollte es ein langer Weg werden.

Eine Gruppe junger Mädchen tollt über die Wiesen, Blumen pflückend nähern sie sich dem Strand. Ein strahlend weißer Stier entsteigt dem Meer. Er umgarnt ein Mädchen, neigt sich schüchtern zu ihr. Sie fasst Vertrauen, steigt auf seinen Rücken. Plötzlich wendet er sich von der Gruppe ab, stürzt sich wieder in die Fluten und schwimmt mit seiner verängstigten Reiterin nach Kreta.

Der Mythos von der Entführung Europas
verweist nicht nur auf den Ursprung des Kontinents, sondern verdeutlicht zugleich auch den Europa-Begriff der Antike. Die Frage, auf die der Mythos antwortet, ist zunächst eine geographische. Sowohl Lage und Ausdehnung eines bestimmten Landgebietes, als auch seine Benennung muss in einen größeren Sinnzusammenhang gebracht werden. Dies ist eine wichtige Komponente für die Identitätsbildung der Menschen, die innerhalb dieses Territoriums leben. Für diejenigen, die außerhalb des Gebietes Siedeln ist der Mythos ebenfalls von Bedeutung, denn vielfach definiert sich Identität in Abgrenzung von „dem Anderen“.

Angesichts der Komplexität von Identitätsbildung,
verwundert es nicht, dass bereits in der Antike die geographischen Grenzen Europas nicht klar definiert werden konnten. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot, einer der Ersten, die sich zum Begriff Europa Gedanken machte, zog beispielsweise die Zugehörigkeit Kretas zu Europa – immerhin zentraler Handlungsort des Mythos – in Zweifel.

Das Weltbild der Antike gestaltete sich nach der so genannten T-O-Karte. Der Europa-Begriff der Antike hatte vor allem eine geographische Dimension in Abgrenzung zu den anderen Erdteilen.

Europa als christliches Abendland
Während des Mittelalters dominierte weiterhin  jene Vorstellung von Europa, die die antiken Geographen überliefert hatten. Es kam jedoch eine neue, programmatische Dimension hinzu:das Konzept des „christlichen Abendlandes“. Diese Idee hatte eine starke integrative Kraft. Zum einen wurde die Spaltung in West- und Ostkirche, Rom und Konstantinopel, überwunden. Die christliche Welt umfasste damit das gesamte europäische Territorium. Zum anderen war die Betonung gemeinsamer religiöser Wurzeln wichtiges Argument für die Kreuzzüge gegen die islamische Welt. Der gemeinsame Feind sollte die Identität eines ganzen Kontinents stärken und so tausende Kreuzritter mobilisieren.

Obwohl die christliche Einheitsidee in dieser Phase einen Höhepunkt erreichte, konnte sie keine so stark bindenden Strukturen entwickeln wie einst das Imperium der Römer. Vielmehr bildeten sich schon damals starke regionale Interessen heraus. Die Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst, als weltliche und geistliche Herrscher des Abendlandes, prägte darüber hinaus das gesamte Mittelalter. Unter dem Eindruck dieser oftmals blutigen Konfrontationen, entwickelte der Florentiner, Dante Alighieri, am Anfang des 14. Jahrhunderts sein Europa-Konzept. Er wandte sich zunächst gegen die Herrschaftsansprüche des Papstes. Für ihn war eine weltliche Monarchie das Modell für ein geeintes, friedliches Europa. Doch er setzte nicht nur auf den Kaiser als ordnende Macht, um die vielen Regionen zu versöhnen, sondern versuchte gemeinsame Wurzeln der europäischen Sprachen zu rekonstruieren. Gleichzeitig setzte er sich aber entscheidend für die Volkssprachen ein.

Heute ziert das Profil Dantes die 2-Euro-Münze Italiens.

Im Wirken Dantes lässt sich bereits im Spätmittelalter, zumindest auf dieser sprachlich-kulturellen Ebene, eine Tendenz ausmachen, die uns heute als Motto der Europäischen Union begegnet: „In Vielfalt geeint.“

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kultur/Geschichte

Eine Antwort zu “Kleine Geschichte der Europa-Idee: Am Anfang war der Mythos – Teil 1 Antike/Mittelalter

  1. Jonas

    Gerade die Bestimmung des Begriffs Europas in seiner geographischen Extension, ist in Bezug auf die Integrationsreichweite von besonderem Interesse. Das Grundgesetz sieht Deutschland als „gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa“. Deshalb fragt manch einer: welches Europa ist gemeint und wie weit darf es reichen? Beantwortet werden kann dies u.a. mit dem gemeinsamen geschichtlich/kulturellen Erbe eines bestimmten Region, wie es dieser Beitrag herausarbeitet. Aber: schließt das beispielsweise die Türkei mit ein?

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